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Dienstag, 6. Dezember 2016

Blink Blink Photo Studio / Fotoserie

Die beiden Fotografinnen, Gabriela Kaziuk und Beata Sterczewska, haben mich zum Fotoshooting eingeladen. Ein paar Impressionen, hier drunter. Das Grand Opening des gemeinsamen Fotostudios ist am 12. Dezember 2016. Mehr Infos unter BlinkBlink Photo Studio.









Montag, 28. November 2016

Die Lüge der Madeleine / Künstlerinspirationstext

Was mich inspiriert? Was soll das denn? Eine Madeleine? Entschuldigung, aber was ist eine Madeleine im Tee? Genau! Eine Madeleine im Tee! Was für eine weltbewegende Kleinbäcker-Sensation. Hallo, ich bin Künstler und dippe, ich tränke sie, DIE MADELEINE, ab in den Tee. Und ist sie wieder da, ist sie feucht (an was denken Sie gerade?), nass, leicht erhitzt vom Tee und der Künstler freut sich über die gewonnene Erkenntnis. Der Künstler holt tief Luft. Oh, eine Madeleine! Was das wohl bedeutet? Was das wohl heißt? Herr Proust, nein nein nein! Sie machen’s mir ganz schön schwer. Weil die nun alle glauben, dass ich da sitze, mit Madeleine und Tee, und ich die Wahrheit aus den Krümeln rauslutsche.

Ein Text zu einem Künstlerthema ist per se schon eine Katastrophe. Wieso mache ich überhaupt mit? Ja, für das Geld. Nee, für das Geld wohl eher nicht. Nein, nun wirklich nicht. Meine kunstsinnigen Gedankengänge? Was sind denn bitte kunstsinnige Gedankengänge? Oh, als ich letztens das Gemälde von Rembrandt begutachtete, wirkte es auf mich, es nahm mich mit, auf eine Reise, durch die Vergangenheit, zurück in die Gegenwart, bis wohin wird es mich wohl bringen? Inspiration: Statuen, Objekte, Gemälde, Installationen. Ein Museum, ein Kunstsammlerplatz, ist für mich das Gebäude, wo ich rein gezwungen werde, um möglichst schnell durchzulaufen, vorbei an den Audio-Guide-Touristen, den gelangweilten Wächtern, der lustigen Stammklientel. Oh, meine Muse, kneif mich doch, oh oh oh! Meine Muse, flüstere mir was ins Ohr, hauch mich an, blas mir einen. Ja, bitte.

There is something about you, boy! It’s hard to explain.

Es gibt rein gar nichts, was mich bis heute nachhaltig beeinflusst hat. Doch, ok, aber nicht diese Bauten, diese Kirchen, diese kulturellen Kunst-Geld-Institutionen, ha, ich weiß. Das ist wohl auf meine Beschränktheit zurückzuführen. Ich weiß das wohl nicht zu schätzen. Diese wahnsinnigen Kunstdenkmäler, ach-so-wichtige Platzhirsche monumentaler Kunsthistorik. Was soll das denn bitte mit meinem Schreiben zu tun haben? Wie meiner Inspiration dienen? Das sind doch alles Floskeln, dummsinnige Klischees von kleinen Schreibscheißern, die nichts zu erzählen haben. Langweilige Inspirationsalibis von Langweilern, die ihr Haus nur für das Museum und den Hausarzt verlassen.

Und sonst noch so? Genau, wir Künstler. Wir sammeln und konservieren, ja, stimmt. Rechnungen, Belege, Punkte, alles für die Steuererklärung. Und als Kind habe ich Briefmarken gesammelt, wie jedes Kind. Heute bin ich glücklich, wenn es leer um mich rum ist, damit ich selbst Platz habe. Aufräumen. Wie soll ich sonst groß werden? Ich will mich nicht erdrücken lassen, ich will mich nicht erdrücken lassen von Enzyklopädien und Hirnficks der Kunstsinnigen.

Und sonst noch so? Sie müssen nichts! Sie müssen auch nicht so tun, als müssten Sie müssen. Sie müssen nicht schreiben. Sie müssen nicht lesen. Sie müssen nicht ins Museum. Sie müssen nicht ins Theater. Fühlen Sie sich zu nichts gezwungen. Sein Sie einfach mal dumm, nicht kritisch sein, nicht wichtig sein, nicht gebildet sein, nicht die zehn wichtigsten Kunstschaffenden des letzten Jahrhunderts mit Namen, Geburtsdatum und Kurzbiographie kennen. Das müssen Sie alles nicht, dann reden Sie einfach mal nicht mit. Sie dürfen kleinkariert und blöd durch die Welt laufen. Sie dürfen, müssen nicht. Ich fordere hiermit alle Dummen auf, nicht intelligent zu werden.

Woher ich meine Inspiration nehme? Fragen Sie doch nicht mich, sondern mein Schreiben. Ich weiß es nicht. Ich glaube, die Inspiration ist nie dort zu finden, wo sie mit dem Zaunpfahl winkt. Hallo, hier, hier, hier, ich bin wichtig, ich will dich inspirieren. Ich will mit dir in ein kunstsinniges Bett, bitte benutze mich, meine weichen Erfahrungsfedern, mein wahrhaftiges Kopfkissen, die kreative Satzdecke. Inspiration ist furchtbar langweilig, sie kündigt sich nicht an, sie klingelt nicht an der Tür und sie ist mit Sicherheit kein Rembrandt-Gemälde. Sie hat kein Gesicht. Man kann sie auch nicht durch gewisse Verhaltens- und Lebensmuster hervorrufen: Ich trinke nur noch Rotwein, ich bin in sämtlichen Museen des Landes ein gern gesehener Gast, ich trage einen roten Schal, ich mache nachdenkliche Portraitfotos, ich rauche Gitane, ich höre Beethoven und Bach, ich lese Feuilleton in einem französischen Bistro. Die haben uns ganz schön beschissen, diese traditionsbewussten Kunstbeamten. Frechheit!

Wie gehen Sie eigentlich mit einer Schreibblockade um? Ich bin recht glücklich, wenn ich eine habe. Damit ich mal wieder zur Ruhe komme. Einatmen, ausatmen, trinken, tanzen, lieben, leben, nichts machen. Sich nicht immer gezwungen fühlen, ich werde nicht gezwungen weiterzumachen. Die Angst, dass die Geschichte nie fertig wird, die Worte nie zur Ruhe kommen. Ich, am Ende meines Lebens nicht genug geschrieben habe. Das Einzige was mich wirklich inspiriert, ist das Schreiben selbst. Wie ein Besessener, ich schreibe, ich schreibe, weil ich schreiben will. Ich habe was zu sagen. Will es jemand hören? Ich will mitteilen, erzählen, weitersagen, erklären, notieren, aufschreiben, informieren, wissen lassen, auf Bierdeckel, auf Blatt, klein, groß, rund, quadratisch, auf Tischen, auf Bildschirmen, Schränken, Wänden, überall.

Ich will teilen, allen verkünden, wie ich mich fühle, wie Sie sich fühlen und ja, in der Reihenfolge. Und weil ich das nicht so nebenbei mache, weil es einfach nur Spaß macht, mache ich das die ganze Zeit. Nein, ich mache das nicht nebenbei. NEIN, ICH MACHE DAS NICHT NEBENBEI. Ich habe genug zu tun und bin hauptdabei. Ich hänge nicht ab, ich schreibe auf, bis ich ersticke. Irgendwo zwischen Ich und Fiktion, ja, in der Reihenfolge, irgendwo zwischen analog und virtuell, real und originell. Natürlich, auch ich, ich verurteile scharf, von sozial müde bis Nordkorea und Bombe, UN, Nato, das alte Europa und die neuen Teesorten.

Das große Weltding wird bei mir ganz klein, mit Punkt und Komma, gerne auch ohne. Das macht mich sehr groß. Ich muss nicht wegreisen, ich will abtauchen, in mich rein, lass es heißkochen und serviere es so ehrlich wie nur geht. Wie nur möglich. Meine Realität ist ihre Fiktion meiner Getriebenheit. Prost!

Nein, ich leide nicht.

Das gefällt mir. Manchmal schafft es unsere Zunft bis in die Prime Time, einige werden Millionäre, werden weltweit beliebt und geliebt, gefallen Milliarden von Menschen. Aber kein Mensch behält irgendwas, nichts. Das muss doch eine pure Trauerballade, ein Drama, sein. Alle lieben dich, aber keiner erinnert sich. Haben Sie verstanden, was ich meine? Die Inspiration macht mich verrückt und ich habe nicht einmal mit einem Museum geredet. Proust und Rembrandt und Spada, wir meiden uns.

Ich habe die Welt. Die ganze Welt in mir. Das klingt pathetisch. Das klingt kitschig. Das klingt, das hatten wir schon mal. Wer hat noch was zu sagen? Was habe ich zu sagen? Und wieso schreibe ich es auf? Egal, es muss so sein. Ich verschenke mich, alles, ihr könnt es benutzen, um euch selbst wiederherzustellen. Ich offenbare mich mit allem was dazugehört. Ich schenke euch das Nachdenken, die Überlegungen, umsonst, ein ganzes Leben lang. Ohne Ablaufdatum, mit Ausschaltknopf. Alles was Sie tun müssen: Nicht weglaufen! Diese Erdbeben in mir sind die Erdbeben ihrer Hoffnung, ihrer Leiden, ihres Wahnsinnsreichtums. War das jetzt pathetisch? Ich überschlage mich in Wortkonstruktionen, Phrasen, Sinnbilder werden zu Metaphern, vom Champagner durchtränkt. Und Prost. Ich bin eine Hure, ich verliebe mich ständig in die Freier. Ich habe nichts verstanden.

Bedienen Sie sich an meinem Leben, ich gebe es her, nennen Sie mich Kunst. Ich bin sie gerne. Nehmen Sie sich, was Sie brauchen. Ich werde mich weit öffnen. Ich werde ein Loch sein, nur keine Scheu, schauen Sie hinein. Es geht tief runter. Haben Sie keine Angst, Sie dürfen weinen, vielleicht fallen Sie. Es wird alles gut.

Und du musst doch, du musst von irgendwo schöpfen, du hast doch mit Sicherheit eine geheime Schöpfquelle. Du triffst sicherlich jeden Tag wahnsinnig tiefsinnige, kunstsinnige Menschen. Du kennst sie doch alle und ihr habt so ein spannendes Leben, esst in den schönsten Restaurants mit den tollsten Menschen. Ich weiß ja nicht, wie du das machst mit diesem Schreiben, ein ganzes Buch, so viel Text, so viele Buchstaben, hast du da geregelte Arbeitszeiten? Betrinkst du dich ständig?

Ey! Wir machen Runden um uns selbst. Ein Gehabe-Kreis von projektionsgierigen Projektoren, die immer andere Projektionen sehen, als die die projiziert werden. Ich gähne.


Zuerst erschienen für die Anthologie Erinnerungsräume.

Sonntag, 27. November 2016

Abführung der lebenswichtigen Mittelmäßgkeit / Auszug


Nehmt mir nicht den Sinn, wenn ich mein Haus verlasse. Gebt mir nicht die Schande, mir einen Sinn zu finden, euch einen Sinn zu erfinden. Mit leeren Herzen eure Hände zu nehmen. Hört bitte leise auf, laut Party zu schreien, wenn ihr den Spätkauf (Berlin! Mann!) verlasst und dem Fleisch an den Arsch fasst. Hört bitte auf, euch die Lebensweisheiten auf die Stirn zu tätowieren. TRÄUME NICHT DEIN LEBEN. Ja danke, fick dich. Ich werde nicht weiter verhandeln. Der Eintritt ist unverhandelbar. Zu Verhandlungen unfähig.

Auf die Hand oder neben der Spur?

8

Sie sind hinter mir her, ich habe sie noch nie gesehen. Ich drehe mich auch nicht um. Nicht um die linke, nicht um die rechte Schulter. Ich kann sie hören, werde ich denn nie taub? Werde ich denn nie dumm? Sie werden immer lauter. Sie hören nie auf, mir weh zu tun.

Sie hören nie auf, mir Pillen zu verschreiben. Hat jemand diese Leute gesehen?

9

Immer wieder, und wieder, und wieder. Einmal noch ein einziges weiteres Mal. Und dann lass ich dich davonlaufen. Es ist gut, dass du bereits gelaufen bist. Vorlauf für Mittelmäßige. Dann bist du dem Weg einen Schritt voraus, zu weit weg, dir hinterherzurennen. Rechtzeitig aufgeben. Ergreif die Flucht, bevor ich dich trage.

Lauf nicht, ich zähle noch.

10

Nur noch reden, eine Lunge voller Reden, verhindert das Denken. Immer noch einmal von vorne, stehen bleiben, immer nur Luft. Heißluftblasen.



Das Buch kann man immer noch kaufen, zum Beispiel beim Verlag oder Amazon.

Mittwoch, 23. November 2016

Pura Vida / Uraufführung war gestern

Ich bin stolz auf mein Theaterstück Pura Vida, das gestern Uraufführung feierte.

Danke Max Claessen für die großartige Arbeit. Danke dem Schauspiel Ensemble Luc Schiltz, Nickel Bösenberg, Angelika Zacek und DJ Kalle Krass. Eure Energie war einfach der Hammer. Danke Ilka Meier für die bombastische Ausstattung. Danke Tom Leick-Burns und Ben Bauler und Anne Legill für Herz und Verstand. Danke diesen komischen Zuschauern, die sich immer wieder was von Spada anschauen. Weitere Vorstellungen im Kapuzinertheater am 24. und 25. November 2016, und 1. Dezember 2016. Danach geht's weiter nach Saarbrücken am 14. und 15. Dezember 2016, in der sparte4.



Montag, 21. November 2016

Pura Vida / Auszug (3)

Pura Vida ist mein neues Theaterstück, Uraufführung am 22. November 2016 im Kapuzinertheater, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg.

Auszug:

Und Ehrlichkeit, so Steffen, würde an dieser Stelle heißen: Tod! Dieses Mal, endgültig. Totehrlich, ehrlich, und immer für einen kleinen Witz zu haben. Was bleibt, ist ein Witz. Und ein Arzt. Ich aber, ich werde sterben. Obwohl ich den Tod vermeide, will das Leben mich nicht. Obwohl ich leben möchte, will das Leben mich nicht. Ich würde es gerne etwas spannender machen, aber es ist ganz einfach, ja, nicht spannender. Man kann nicht alles haben.

Ich werde nun noch eine Weile leben können, als wäre ich kerngesund, die ungesunde Illusion des wirklich Kranken. Und eines morgens werde ich aufwachen und so schwach sein, dass ich fast nicht aus dem Bett komme. Dann werde ich den Krankenwagen rufen müssen, oder zu Fuß vielleicht, und ab dann kann ich die Stündlein zählen. Danach, alles vorbei.

Soweit sind wir noch nicht.
(Martin)